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Unkraut

versus Beikraut

 

„Es gibt kein Unkraut“, hört oder liest man häufig. Was bei Leuten, die beim Garteln auf Problempflanzen stoßen, auf Unverständnis stößt. Nun, wo kommt diese Behauptung her? Sie ist ein großes Missverständnis eines Diskurses aus den 90ern. Damals nahm man sich die Ornithologen zum Vorbild, die durchsetzten, dass Raubvögel im allgemeinen Sprachgebrauch zu Greifvögeln wurden. Es ging darum, negative Begrifflichkeiten durch neutrale zu ersetzen, nicht die Existenz zu leugnen. Im Gegensatz zu den Greifvögeln gab es aber keinen althergebrachten neutralen Begriff für Unkräuter. Ackerwildkräuter war einer der Begriffe, die diskutiert wurden. In zweifacher Hinsicht falsch: Erstens gibt es Unkräuter nicht nur am Acker, zweitens sind gerade Ackerunkräuter häufig keine echten Wildpflanzen, sondern domestizierte Gewächse, die wir mit dem Getreide unbewusst mitdomestiziert haben.

 

Der Mauer-Scheingänsefuß (Chenopodiastrum murale) ist an menschlichen Urin gebunden und durch vorgeschriebene Toilettanlagen in Wirtshäusern
Unkraut auf jedem Supermarktparkplatz und drinnen käuflich zu erwerben: Da Rucola (Eruca vesicaria subsp. sativa) ein Wintergemüse ist und die Nachfrage ganzjährig besteht, sprang die weitschichtig verwandte Schmalblättrige Doppelrauke (Diplotaxis tenuifo

 

In der Natur hätten sie keinerlei Überlebenschance, wie etwa die Kornrade, die nicht einmal selbst Samen verstreut. Sie muss gedroschen werden. Spontanvegetation ist ein Begriff, der nicht Pflanzen bezeichnet, sondern jede Pflanzengemeinschaft (Vegetation), die ohne das Zutun des Menschen entsteht. Also nicht die Kräuter, die in Äckern und Beeten wachsen.

 

Schön und wehrhaft, bei Insekten und Vögeln beliebt ist die Nickende Ringdistel (Carduus nutans).

 

Beikräuter sind einfach Kräuter, die bei den kultivierten Pflanzen wachsen, egal ob wild oder domestiziert, nützlich oder schädlich. Der Begriff ist also auch ein objektiver. Unkraut ist eine Wertung, der Begriff daher subjektiv. Unkräuter sind Pflanzen, die man, aus welchen Gründen auch immer, nicht mag. Gerade in der Ökologie und im Naturschutz spricht man daher bei invasiven Neophyten von Landschaftsunkräutern. In diesem Fall sogar objektivierbar. Mein Garten war lange unkrautfrei, nachdem ich die mir verhassten Hortensien rausgeschmissen hatte. Dafür durften viele Pflanzen, die andere als Unkräuter bezeichnen, wachsen. Derzeit machen sich leider des Nachbars Efeu und die Waldrebe aus einer „Hausmeisterfläche“ breit, die ich jetzt schon wieder Unkraut nenne.

 

Persischer Ehrenpreis (Veronica persica) erfreut uns und Nützlinge früh im Jahr mit seinen blauen Blüten.
Von der wichtigsten Gewürzpflanze der Kelten zum Rasenunkraut: Gundermann (Glechoma hederacea).

 

 

Nützlinge ins Gemüsebeet lockt die Sonnwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia).

 

Beikräuter müssen allerdings keine Unkräuter sein. Der Persische Ehrenpreis etwa, der überall dort wächst, wo ein bisschen Boden offen ist, ob Lücken im Rasen oder in Beeten, ist beispielsweise ausgesprochen nützlich. Seine kleinen blauen Blüten, die man fast das ganze Jahr über sieht, vor allem aber im Frühling, werden von Fliegen bestäubt. Meist sind es Wollschweber, aber häufig auch Schwebfliegen. Beide Familien enthalten viele Nützlinge, die Schadinsekten mindern können. Und er wird nur wenige Zentimeter hoch, überwächst damit keine Kulturpflanze und auch wasser- und Nährstoffbedarf sind minimal. Verändern wir die Einstellung zum Beikraut, ist es kein Unkraut mehr. Viele Beikräuter sind wertvolle Pflanzen, die eine positive Wirkung für das Ökosystem Garten – auch für das Gemüsebeet – haben.

 

Acker-Beikraut und Zierpflanze gleichermaßen: Die Acker-Siegwurz (Gladiolus italicus) heißt im Handel Gladiolus byzantinus.

„Schiaches Unkraut bleibt schiaches Unkraut!“

 

Bei den Pflanzen, die wir als Unkräuter bezeichnen, sollten wir uns immer fragen: Stört es wirklich? Warum stört es? Hat es auch Vorzüge? Lässt es sich integrieren? Wer das tut, wird möglicherweise bald immer weniger Unkräuter kennen. Mitunter auch keines mehr. Das kann man Leuten, die subjektiv unter Unkräutern leiden aber nicht vor den Latz knallen. „Für mich ist es kein Unkraut, weil…“ und „Nenn es nicht Unkraut, sondern Beikraut, nur weil es dich stört…“ können vielleicht die Einstellung ändern – „es gibt kein Unkraut“ ganz sicher nicht.

 

Rasenunkraut? Der Kriechende Hahnenfuß (Ranunculus repens) hat nur an vernässten Stellen eine Chance im Rasen, dann sorgt er für ein Blütenmeer.

 

Obwohl ich selbst 99 % dessen, was andere als Unkraut bezeichnen, nicht als solches bezeichne: Ich persönlich kenne Unkräuter, über die ich herzhaft schimpfen kann. Es tut ja auch manchmal der Seele gut, seinem Ärger Luft zu machen. Wenn wir dafür „Beikraut“ verwenden, wird aus dem neutralen Begriff wieder ein negativ besetzter. Schiaches Unkraut bleibt schiaches Unkraut!

 

Weiß-Klee (Trifolium repens) hält Betritt und Trockenheit besser aus als Rasengräser und ist bei Hummeln sehr beliebt.
Der Kriech-Sauerklee (Oxalis repens) wurde im 19. Jahrhundert als Balkonblume eingeführt und bald eingebürgert. Aber erst durch Kultursubstrate und Kontainerpflanzen im Verkauf wurde er in den 90er Jahren zum allgegenwärtigen Unkraut.

 

 

Fotos: Dietrich

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