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Nützliche

Schädlinge

 

Es mag paradox klingen, doch es ist nicht allzu weit hergeholt. Schädlinge können tatsächlich von Nutzen sein.

Nehmen wir zum Beispiel den gefürchteten Frostspanner. Seine Raupen fressen im zeitigen Frühjahr nicht nur die Blätter der Bäume, sondern auch die Blüten bzw. Blütenknospen ab. Sind viele Frostspanner unterwegs, so bleiben keine Blüten mehr übrig, um Früchte anzusetzen. Bäume, vor allem Obstbäume und ihre wildwachsenden Verwandten, sind Jahr für Jahr einer Reihe von Fruchtzerstörern ausgesetzt. Sie verringern die Anzahl der keimfähigen Samen, die der Baum produziert, und schmälern damit den Fortpflanzungserfolg. Massenvermehrungen von Frostspannern finden etwa alle 6 bis 10 Jahre statt. In den Jahren der Massenvermehrung bleiben von Beginn an kaum Früchte für andere Fruchtzerstörer wie etwa den Apfelwickler übrig. Da der Apfelwickler zwei Generationen pro Jahr hervorbringt, die neue Früchte befallen müssen, und schon die erste Generation kaum Nahrung findet, ist im nächsten Jahr kaum einer übrig. Bis sich die Population wieder erholt, bleiben die Äpfel weitgehend wurmfrei. Nach Massenvermehrungen brechen auch die Populationen der Frostspanner zusammen. Außer man bekämpft sie und hält sie unter dem sogenannten K-Wert, der Tragekapazität ihres Lebensraumes, bei deren Überschreiten die Population zusammenbricht. Für den Baum bedeutet ein sehr früher Verlust der Blätter keinen allzu großen Rückschlag. Nach den Startschwierigkeiten produziert er genug Stoffwechselprodukte, um im nächsten Jahr verstärkt blühen zu können. Im Hausgarten sollte ein fruchtfreies Jahr mit Aussicht auf reiche und gesunde Ernte im nächsten Jahr zu ertragen sein. Für Wildäpfel und Wildbirnen kann das überlebenswichtig sein.

 

Kleiner (grün) und Großer (braun) Frostspanner – nur gemeinsam ist die Massenvermehrung möglich.

 

Die natürlichen Brutröhren von Gehörnter und Braunroter Mauerbiene, die für eine ausreichende Ernte an Kern- und Steinobst unerlässlich sind, sind Holzwurmlöcher. Gut, da können wir uns mit Solitärbienennisthilfen („Insektenhotels“) und Zuchttieren helfen. Erdhummeln nisten in Bauten von Nagetieren und Maulwürfen. Die seltene Tonerdhummel scheint dabei auf Wühlmäuse (Schermäuse) angewiesen zu sein. Hummeln sind die einzigen heimischen Bestäuber von Paradeisern, Melanzani und nicht selbstbestäubenden Chili-Arten unter den Kulturpflanzen.

 

Nicht sehr beliebt ist die Große Rosenblattlaus.

 

Nicht immer ist der Nutzen von Schädlingen so offensichtlich. Wenden wir uns den Blattläusen zu. Blattläuse haben eine spannende Lebensweise. Ihre Eier überwintern üblicherweise an Zweigenden von Gehölzen. Die Blattlausarten sind dabei an bestimmte Gehölze gebunden. Im Frühjahr findet eine erste Massenvermehrung am Gehölz statt. Die meisten Arten wechseln dann ihre Wirtspflanzen. Die Sommergeneration lebt bevorzugt an krautigen Pflanzen. Viele Arten bleiben dabei an bestimmte Pflanzen gebunden. So wechselt die Rosenblattlaus an diverse Karden- und Baldriangewächse, die Seerosenblattlaus von Steinobst auf Seerosen. Einige Arten haben allerdings ein sehr breites Wirtsspektrum, etwa die Mehlige Pflaumenblattlaus, die fast alle Sumpf- und Wasserpflanzen mit Pflanzenteilen außerhalb des Wassers heimsuchen kann. Fast alle schädlichen Blattlausarten fallen in diese Gruppe. So wechselt etwa die Schwarze Bohnenlaus von Pfaffenkapperl und Schneeball im Sommer auf so ziemlich jede Pflanze, die man im Gemüsegarten findet, außer Kapuzinerkresse und Kreuzblütler wie Kohl. Nur wenige Blattlausarten richten selbst Schaden an. Aber sie übertragen Viren, ihr Honigtau erleichtert Schadpilzen die Keimung etc.

 

Das Schadbild der ehemals vorhandenen Johannisbeer-Blasenlaus.

„Schädlinge können tatsächlich von Nutzen sein.“

 

Blattläuse vermehren sich sehr stark, bis der schon bei den Frostspannern erwähnte K-Wert an der Futterpflanze erreicht ist. Dann bilden sie geflügelte Tiere, die sich neue Futterpflanzen suchen. Im Honigtau an der Wirtspflanze leben Mikroorganismen, die Duftstoffe produzieren. Diese Duftstoffe locken Blattlausfresser an. Auch Blattläuse können diese Düfte wahrnehmen. Geflügelte Blattläuse lassen sich daher nicht auf Pflanzen nieder, die schon von Blattläusen befallen sind. Die Rosenblattlaus würde Rosen bevorzugen. Aber wenn die Blattläuse nicht bekämpft wurden, sind im Mai/Juni alle Rosen voll mit Blattläusen und die geflügelten Tiere müssen auf Kardengewächse ausweichen. Bekämpft man die Läuse vorzeitig, so lockt man viele potentielle Virenüberträger an. Wartet man auf Blattlausfresser („Nützlinge“), so verschwinden nicht alle Läuse, aber sie werden bald unterhalb der Schadschwelle sein und es stellt sich ein Gleichgewicht zwischen Läusen und ihren Gegnern ein, das bis zum Herbst hält.

 

Die Wermutblattlaus lebt ohne Generationswechsel ausschließlich an Wermut und kann ohne Gefahr für Kulturpflanzen zur „Nützlingszucht“ unbekämpft bleiben.

 

Auch die Konkurrenz zwischen den Blattlausarten kann man sich zunutze machen. Die Johannisbeer-Blasenlaus überwintert an Ribiseln und Stachelbeeren. Im zeitigen Frühjahr, schon im Austrieb, beginnt sie zu saugen und sorgt damit für Blasen an den sich entwickelnden Blättern. In diesen Blasen wohnen die Läuse, um spätestens im Juni auf Lippenblütler zu wechseln. Es sind obligatorische Wirtswechsler, das heißt, im Sommer ist keine Laus dieser Art an Ribiseln zu finden. Die Blasen bleiben allerdings, sind aber genauso funktionstüchtig wie ein gesundes Blatt, die Läuse machen als Ausnahme unter den Blattläusen keine Massenvermehrungsphase durch und schädigen die Pflanze daher nicht im Mindesten. Das Entfernen der Blätter richtet mehr Schaden an als die Laus. Durch ihr Leben an der Blattunterseite stellt auch ihr Honigtau keine Gefahr dar. Dennoch wird die Art – aus rein optischen Gründen – bekämpft. Die Folge ist, dass die Kleine Johannisbeertrieblaus, die erst später im Frühling erscheint, für deformierte Triebe und damit tatsächliche Schäden sorgt. Wenn bereits die Blasenlaus Fressfeinde anlockt, fällt der Befall der Johannisbeertrieblaus weitaus geringer aus. Oft – nicht immer! – sorgt also auch die Bekämpfung von „Schädlingen“ mit Biomitteln für eine „Verschlimmbesserung“ der Situation.

Beispielsweise lassen sich auch Maulwürfe aus dem Rasen fernhalten, indem man unterhalb des Wurzelfilzes, also in etwa 5-10 cm Tiefe, ein Gitter in die Erde legt. Natürlich bevor der Rasen angesät wird. Mir wurde ein Fall aus Niederösterreich bekannt, wo dadurch der Garten sehr hässlich wurde. Statt dichtem Rasen waren mehr Regenwurmhaufen als Gräser da, weil niemand die Regenwürmer fraß. Genauso gut hätten es Engerlinge sein können, die den Rasen zerstören. Jeder Eingriff in den Haushalt der Natur führt zu Kollateralschäden.

 

 

 

Fotos: Dietrich

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