Achtung neue Pilze

Kraftvoll auch im Untergrund

Sie leben in komplizierten Beziehungen mit ihren Wirten in standorttypischen Gemeinschaften, bevorzugt in feucht-warmem Milieu: Pilze. Die Klimaerwärmung verändert die Zusammensetzung dieser WGs im Boden und konfrontiert uns mit neuen Herausforderungen. Schwammerlbegeisterte suchen auch in Gärten nach (stehendem) Totholz, Altholzinseln und moosigen, nährstoffarmen Wiesen. Selbst feuchte Hackschnitzel lassen holzzersetzende Pilze nur so sprießen. Bei käuflichen Sporenmischungen achten sie auf heimische Pilzarten. Nährstoffe, Düngung durch Mähgut, Laub und das Mähen selbst zerstören das Aufkommen von Pilzen dagegen.

Schwammerlsucher wissen längst: Die Schwammerlzeit verändert sich. Dass die Pilzsaison sich verlängert und nach hinten verschiebt, bestätigt auch ein internationales Forscherteam mit etwa 750.000 Pilzdaten aus 40 Jahren. Manch Herbstpilz ist schon im Frühling zu finden, im Sommer zeigen sich oft weniger Pilze, abhängig von der Bodenfeuchte: Trockene und warme Sommer verzögern die Pilzbildung, reiche Niederschläge im Herbst können das ausgleichen. Generell breiten sich wärmeliebende Arten aus. Andere wandern in höhere Lagen: Wohin es mit den alpinen Pilzarten geht, weiß heute niemand. Rückgängige Bestände von Baumarten könnten nicht nur die mit ihnen in Symbiose lebenden Speisepilze beinträchtigen. Die Wirtbeziehungen sind teils umkehrbar, daher ist die Wissenschaft auf der Suche nach klimafitten und widerstandsfähigen Baumexemplaren. Auch nach bisher unbekannten natürlichen Gegenspielern parasitischer Pilze wird intensiv geforscht.

Pilze bestehen wie wir Menschen aus Zellen, genauer aus einem Zellgeflecht. Ohne Wasser kann die Zellteilung nicht immer stattfinden. Die Häufung von Extremwetterlagen wie anhaltende Trockenheit, Starkregen und Sturmereignisse hinterlässt deshalb ihre Spuren. Pilze sind ökologisch bedeutsam. Ihre Myzelien ragen wie Wurzeln in die Erde oder in lebende, meist abgestorbene Pflanzen und Tiere. Nur durch oberirdisch wachsende Fruchtkörper sind sie zu erkennen. Ändert sich etwas an ihrem Erscheinen, lässt das auf eine veränderte Physiologie des Zellgeflechts im Boden oder beim Wirt schließen. Laut Forschungsberichten werden Pilzmyzele größer und aktiver und beeinflussen den Nahrungshaushalt - mit Auswirkungen auf die Stoffkreisläufe des gesamten Ökosystems.

Ohne Pilze gäbe es wohl keine Bäume. Mykorrhiza-Pilze, wie der Steinpilz, tragen wesentlich zur Nährstoffversorgung von Wirtspflanzen wie Hainbuche, Hasel oder Weiden bei. Auch neu gepflanzten Bäumen helfen Mykorrhiza-Pilze beim Anwachsen. Und sie tun mehr für das Klima als bisher gedacht. Ihr unterirdisches Geflecht liefert Nährstoffe an die Wurzeln ihrer pflanzlichen Wirte. Belohnt werden sie durch einen Teil des Kohlenstoffs, den diese bei der Photosynthese aus der Atmosphäre gewinnen. Damit senken Mykorrhiza-Pilze die CO₂-Konzentrationen der Atmosphäre: wie eine Studie der Universität Kapstadt zeigt, nehmen sie weltweit ein Drittel des Kohlenstoffs aus den Emissionen fossiler Brennstoffe auf.

Saprophyten-Pilze, wie der Wiesenchampignon, zersetzen abgestorbenes organisches Material: Sie sind gute Indikatoren für ökologische Effekte des Klimawandels. im Zusammenspiel mit Bakterien und kleinsten Bodentieren sorgen Bodenpilze für den unterirdischen Stoffkreislauf und die Verfügbarkeit von Nährstoffen. Ohne sie müssten viele Pflanzen hungern. Eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen die parasitischen Pilze. Viele Baumpilze profitieren von durch Trockenstress geschwächten Bäumen. Vorbeugend hilft Bäumen ein optimaler Standort und eine gute Anwuchspflege in den ersten drei Standjahren.

Aber selbst Schadpilze haben ihre Fans. Echter Mehltau etwa ist ein gefundenes Fressen für den 22-Punkt-Marienkäfer. Nicht alle befallenen Blätter oder Pflanzen sollten deshalb entfernt und der Einsatz von Fungiziden generell vermieden werden.  

Gute alte Bekannte sind Birnengitterrost, Echter Mehltau, Kraut- und Braunfäule am Paradeiser, Monilia, Pfirsichkräuselkrankheit bei Pfirsich oder Sternrusstau bei Rosen.

Auch auf die Schrotschusskrankheit (Stigmina carpophila/Clasterosporium carpophilum) trifft man öfter. Sie findet sich an Knospen, Blättern, Früchten und Trieben von Steinobst, meist Weichsel, hier auf Pfirsich, stark zunehmend an Marillen. Die Pflanze heilt sich selbst durch das Abwerfen befallener Zellen. Der Pilz überwintert allerdings an abfallenden Pflanzenteilen.

Rissbildungen und wässrige Stellen an Rinden bedeuten nichts Gutes für den Baum. Pflanzenpathogene Pilze und Mykorrhiza-Pilze können bei geänderten Standortfaktoren ihren Einfluss geltend machen. Nicht heimische Arten, die seit 1492 in einem Gebiet neu aufgetreten sind und sich dauerhaft etabliert haben, heißen auch „alien species“. Viele sind Klimawandelgewinner. Nur die wenigsten haben große negative wirtschaftliche und/ oder ökologische Auswirkungen auf heimische Ökosysteme. Dazu zählen neue eingeschleppte invasive Pilzarten (Neomyzeten) als Schadpilze an Bäumen, die immer häufiger vorkommen. Das stark wachsende Handels- und Transportvolumen, der Transport lebender Pflanzen und unbehandelter Pflanzenteile, die veränderte Landnutzung und damit verbunden neue Kulturpflanzen fördern diese Entwicklung. Während heimische Pilze, die in Koevolution mit dem Wirtsbaum leben, seltener zu schweren Krankheiten oder gar zum schnellen Tod des Baumes führen, ist das bei Neomyzeten viel öfter der Fall.

Problematisch bzw. sozioökonomisch schädlich ist etwa der Johannisbeer-Säulenrost (Cronartium ribicola), der sich ab Juli an Blattunterseiten von Ribiseln und Stachelbeeren zeigt und im Winter auf fünfnadelige Kiefernarten wechselt. Der Edelkastanienrindenkrebs (Cryphonectria parasitica) wurde 1970 aus Ostasien eingeschleppt. Er zeigt einsinkendes oder anschwellendes Gewebe sowie Rindenrisse, später welke Pflanzenteile wie Laub und Wasserreiser. Daneben findet sich die Holländische Ulmenwelke (Ophiostoma ulmi, O. novo-ulmi) in Zusammenarbeit mit Ulmen-Spintkäfern (Scolytus sp.) schon seit 1926/ca. 1955 an heimischen Wirtsbäumen.

Eine Handvoll besonders problematischer eingeschleppter pathogener Pilze gab es in den letzten 60 Jahren bei uns. Von Phytophthora, der „Pflanzenvernichtenden“ gibt es etwa 140 Arten weltweit. Viele sind gebietsfremd - in Österreich mindestens 9 Arten - und invasiv, wie die Erlen-Phytophthora-Wurzelhalsfäule (Phytophthora alni) seit 1996.

Das aus Ostasien eingeschleppte Eschentriebsterben (Hymenoscyphus fraxineus) zeitigt seit etwa 2005 auch in Österreich fatale Folgen. Grünes Laub und gleichzeitig rasch abgemorschte Wurzeln machen es gefährlich. Pilzsporen infizieren im Laufe des Sommers das Laub, das sich braun verfärbt und abstirbt. Auf abgefallenen Blattspindeln erscheinen im Folgejahr zahlreiche helle, wenige mm grosse Fruchtkörper - “Weiße Stängelbecherchen”. Typisch sind auch Rindennekrosen, vor allem am Stammfuß, die die Standfestigkeit bedrohen. Eine direkte Bekämpfung des Pathogens ist nicht möglich. Mit großangelegten, EU-weiten Züchtungsprogrammen sucht man nach resistenten Sorten für Zuchtbaumplantagen, um den Ausfall anfälliger Jungbäume auszugleichen. Falllaub rigoros unter den Bäumen zu entfernen, kann die Krankheit verzögern.

Mengenmäßig nicht so ins Gewicht fällt die Rußrindenkrankheit (Cryptostroma corticale) seit 2003 an Berg- und Spitzahorn. Sie wird durch hohe Sommertemperaturen und -trockenheit gefördert. Ihre Sporen sind für Menschen hoch allergen. Bei der Fällung betroffener Bäume werden deshalb Sicherheitsmaßnahmen empfohlen wie Mundschutz und vorheriges Benetzen der Bäume sowie das Holz umgehend zu verbrennen und nicht zu lagern. An Ahorn-Arten findet sich auch der Eutypella-Stammkrebs (Eutypella parasitica), ein mehrjähriger Baumkrebs aus Nordamerika.

Tausend-Canker-Krankheit nennt sich das Duo aus Borkenkäfer (Pityophthorus juglandis) und Pilz (Geosmithia morbida) im westlichen Nordamerika. Der Befall an Schwarz- und Walnuss ist bislang in Norditalien oft tödlich für die Pflanzen.

An Kiefern, wie der Schwarzföhre (Pinus nigra), ist das Diplodia-Triebsterben (Diplodia sapinea) mit verbraunten Nadeln an den Triebspitzen seit ca. 1990 präsent. Die nicht heimische Dothistroma-Nadelbräune der Kiefer oder „Rote Bänder-Krankheit“ ist ein Klimawandel-Gewinner mit zunächst unspezifischen gelbgrünen kleinen Nadelflecken, die später absterben und rot gebänderte Stellen zeigen. Aber auch in Koevolution gibt es schwere Krankheiten wie die Schüttepilze der Douglasie.

Der Holler wird regional von einem bislang nicht genau zuordenbaren Pilz befallen. Wie bei ihm ist das Gros der Pflanzenkrankheiten stark von den Umweltbedingungen abhängig. Die Klimakrise wirkt auf Krankheitserreger wie auf den Wirt, und ändert deren Wechselwirkung. Sowohl die Schwere der Pilzerkrankung als auch das geografische Spektrum der Pilzerreger werden beeinflusst. So verbreiten sich Pilzkrankheiten Richtung Norden. Von der Schwächung von Bäumen durch Trockenstress können viele parasitäre Baumpilze profitieren. Die höheren Temperaturen und CO2-Gehalte der Luft können das Pflanzenwachstum beschleunigen. Vieles deutet darauf hin, dass Pflanzenschäden auch gemeinsam durch Insekten- und Krankheitserreger wachsen werden. Wasser- und temperaturgestresste Pflanzen besitzen weniger Energie für weitere Schutzmaßnahmen. So können Insekten und pflanzenparasitäre Pilze sie leichter befallen und die Pilze den Wassertransport behindern.


Ein weiteres Ansteigen der Temperaturen dürfte die Prozesse und Nährstoffkreisläufe im Boden verändern. Mit der Erwärmung trocknen zudem die Böden aus. Den Pflanzen, aber auch den Pilzen und Bodenorganismen steht zwar mehr Stickstoff zur Verfügung, aber weniger Wasser. Dies verändert die Wechselwirkungen zwischen den Bäumen, den Pilzen sowie dem Boden. Verändern sich Artenzusammensetzungen und Interaktionen zwischen Pflanzengesellschaften und pilzlichen Mikroorganismen, könnte sich die Zusammensetzung der Baumarten und ihren Pilzsymbionten dauerhaft verändern. Rückgängige Bestände von Baumarten durch Parasitenbefall könnten Speisepilze beinträchtigen. Die Wirtbeziehungen sind teils umkehrbar, trockenheitsresistentere Individuen werden gesucht. Auch nach bisher unbekannten natürlichen Gegenspielern wie parasitischen Pilzen wird bereits geforscht. Citizen Science Projekte helfen beim Monitoring des Pilzbestandes. Eines ist sicher: Weitere, heute noch nicht bekannte Pathogene sind im Anflug.

Fotos: „Natur im Garten“, Beneš-Oeller, Mayrhofer, Lhotka, Kolbinger, Brocks, DIE GARTEN TULLN

Margit Beneš-Oeller

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